Heute Morgen in der U-Bahn. Neben mir ein junger Mann. Teurer Zwirn, polierte Schuhe, dieser Habitus. Sie wissen schon, der einen spüren lässt, ich weiß, wie der Hase läuft. Auch wenn er vermutlich noch nie einen in freier Natur gesehen hat. Kritzelt auf seiner Präsentation rum: Radikale Transparenz, authentische Führung und solche Dinge. Impression Management, die Headline der Folie.
Ach du grüne Neune, dachte ich mir. Denn das mit der radikalen Transparenz hätte ich mir damals in meiner frühen Karriere lieber gespart. Gern mal das Herz auf der Zunge getragen. Und manches, das besser in der Schublade geblieben wäre. Auch wenn ich es wirklich ehrlich gemeint habe. Das hat es aber auch nicht besser gemacht. Ist mir nicht gut bekommen. Nicht ein einziges Mal.
Da hätte ich mal die Biografie von Charles Maurice de Talleyrand früher lesen sollen. Ein ganz Ausgebuffter. Musste er wohl auch sein. Bischof unter Ludwig XVI., Außenminister während der Französischen Revolution, unter Napoleon, unter der Restauration. Vier Regime, eine Karriere. Die meisten schaffen ja nicht mal einen schwierigen Chef, geschweige denn vier Staatsformen. Wer wechselnden Herren dient und trotzdem alle überlebt, hat mehr richtig gemacht als falsch. Meinen Sie nicht auch?
Wie hat er das also geschafft? Mit radikaler Transparenz? Das wage ich zu bezweifeln. Wohl eher mit dem Gegenteil. Weil er war ja ein wirklich ausgebuffter Stratege. Kein Mensch, der sein Innenleben auf Folien packt. Nun kann ich dabei nicht beurteilen, ob er die „Kunst der Weltklugheit“ von Baltasar Gracián gelesen hat. Ist auch nicht so wichtig. Aber eines aus diesem Buch hat er verinnerlicht, ganz ohne Managementstudium: Die praktischste Form von Klugheit, schrieb Gracián, sei die Kunst, zu verbergen, was man wirklich denkt und vorhat.
Und wie ich so abschweife, sehe ich den jungen Mann wieder kritzeln auf seiner Managementpräsentation. Und er wird dem Kunden wohl ins Stammbuch schreiben, dass Offenheit und Transparenz Vertrauen schaffen. Für einen Tagessatz, für den sogar Talleyrand vermutlich noch einmal die Seiten gewechselt hätte. Soll er mal machen. Ich, damals in meinen frühen Berufsjahren, hätte das wohl dosierter machen sollen. Und mich mehr an dem schlauen Gracián orientieren. Und an dem ausgebufften Talleyrand.
Hauptbahnhof. Ich steige aus. An meinen Mitreisenden werde ich mich morgen kaum noch erinnern. An die Klugheiten von Gracián schon…
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Und was ich noch erwähnen wollte: Über die von mir gegründete Stiftung MutterBoden fördere ich Schülerprojekte an Schulen in sozial schwierigem Umfeld. Weil Bildung nicht vom Geldbeutel der Eltern abhängen sollte.