Im Meier
seinem Keller

Was ein schöner warmer Sommernachmittag. Was gibt es da Schöneres als auf dem Balkon unter dem Schirm. Mit einem kühlen Glas Sancerre. Und anregendem Lesestoff. Ich weiß nicht, ob Sie den kennen, den Jared Diamond, ein berühmter amerikanische Biologe. Von dem lese ich gerade das Buch „Kollaps“. Kann ich Ihnen wärmstens ans Herz legen.

Sieh da, und die Meiers von Gegenüber fahren gerade mit dem Taxi los. Hat er mir gestern erzählt, der Meier. Hurghada in Ägypten, am Roten Meer. Vier Sterne, alles inklusive. Sandstrand, soweit das Auge reicht. Mit Nachhaltigkeitssiegel. Weil Solaranlage auf dem Dach. Für die Wasseraufbereitung. Fürs Palmenwässern. Palmen, die außer rund ums Hotel dort nirgends wachsen wollen. Zu trocken. Nachhaltig eben.

Ach, und zum Meier wollte ich noch was erzählen. Hat mir die von schräg gegenüber erzählt. Die Ilse. Nachnamen kenne ich gar nicht. Jeder kennt sie als Ilse. Und die weiß Bescheid. Über alles und jeden in der Straße. Vermutlich wohl auch über mich. Also Ilse hat mir vor Jahren mal was vom Meier erzählt. Damals, Sie wissen schon, als Corona losging. Da hatten die in den Nachrichten befürchtet, das Klopapier im Supermarkt könnte knapp werden. Und was hat der Meier da gemacht, gleich abends noch schnell alles abgeklappert. Supermärkte, Drogeriemärkte, alles. Und hat seinen Camper vollgestopft mit Klopapier. Hat die Ilse erzählt. Warum soll sie auch lügen. Und in ihrer Wohnung konnten die Meiers unmöglich solche Mengen Klopapier bunkern. Das müssen die wohl alles in ihr Kellerabteil reingestapelt haben.

Also, der Meier und sein Klopapier. Bäume, könnte man meinen, haben damit nichts zu tun. Haben sie aber. Auf der Osterinsel zum Beispiel.

Dort war vor langer Zeit Paradies. Mittendrin ein alter Vulkankegel mit einem Steinbruch. Viel Küste. Aber keine Hotels, schon gar keine mit all inclusive. Aber ein paar Clans mit freundlichen Polynesiern. Jeder Clan mit seinem Clanchef, der für Ordnung sorgte. Dafür, dass die Seinen friedlich miteinander auskamen. Zwischen den Clans war das nicht ganz so friedlich. Die waren oft im Wettstreit. Wie man das so kennt. Fußball kannten sie aber noch nicht. Also mussten sie das anders austragen. Im Wettstreit um das größte Clanhaus. Jeder Clan darauf erpicht, das größte auf der ganzen Insel zu haben. Das blieb für den anfangs dichten Wald nicht ganz ohne Folgen. Weil die Häuser wurden alle aus Holz gebaut.

Und so lichteten sich die Wälder rund um die Siedlungen. Das wäre zugegeben noch nicht so dramatisch gewesen. Wenn nicht einer der Clanchefs, ein ganz eitler Tropf, eine folgenschwere Idee gehabt hätte. Er wünschte sich von seinen Leuten ein Monument für die Nachfahren im Clan. Eine Steinstatue von ihm als Clanchef, an den sich die Nachwelt noch lange erinnern sollte.

Und so machten sich die Geschicktesten unter ihnen daran, im Steinbruch beim Vulkan mitten auf der Insel eine Statue zu fertigen. Mit einer großen Nase und großen Ohren. Unschwer zu erkennen, der Clanchef.

Womit die Steinmetze aber nicht gerechnet hatten, verdammt schwer die Statue. Aber es waren ja geschickte Steinmetze. Also kamen sie auf die Idee, die Statue vom Clanchef auf Baumstämmen zur Siedlung zu rollen. Die Baumstämme dabei so kaputt gemacht, dass sie daraus nur noch Holzkohle machen konnten. Auch sehr nützlich. Weil im Winter dort sehr feucht und unangenehm kühl.

Und die Steinmetze sahen sich bald einer nächsten Herausforderung konfrontiert, die sie so nicht vorhergesehen haben. Denn die Statue fiel nach dem Aufstellen gleich um. Nach all der Plackerei alles kaputt. Der Rumpf vom Clanchef von den Beinen getrennt. Ach herrje, jetzt war guter Rat teuer. Denn enttäuschen wollten sie ihren Clanchef nicht. Und wie so häufig, aus der Not wurd eine Tugend. Und sie stellten den Clanchef, genauer gesagt den Rumpf der Statue, einfach ohne Beine auf. Das hat wunderbar funktioniert. Und zwar beeindruckend. Weil der Rumpf war immer noch sechs Meter hoch. Zeugnis seiner Größe für die Nachwelt. Auch wenn er selbst eher kleinwüchsig war.

Und ich sage Ihnen, wie es ist. Damit nahm die Katastrophe auf den Osterinseln ihren Lauf. Und Sie ahnen es schon. Wettstreit um das größte Clanhaus. Und jetzt auch noch Wettstreit um die größte Clanchef-Statue. Das war einfach zu viel für den Wald auf den Osterinseln.

Und jetzt wissen Sie, wie meine Assoziation von den Meiers von Gegenüber zustande kam. Von ihrer Reise nach Hurghada ins All Inclusive Hotel mit Nachhaltigkeitssiegel fürs solargestützte Wässern von Palmen. Über ihren Keller voller Klopapier. Bis zur Osterinsel, wo damals arglose Menschen ihre eigene Lebensgrundlage unwiederbringlich zerstört haben. Nur um Gier und Eitelkeit zu bedienen. Ohne eine Chance, ihrem Schicksal zu entrinnen.

Und was ich noch erwähnen wollte: Über die von mir gegründete Stiftung MutterBoden fördere ich Schülerprojekte an Schulen in sozial schwierigem Umfeld. Weil Bildung nicht vom Geldbeutel der Eltern abhängen sollte.

Gedanken am
frühen Morgen.

Bevor der Alltag
sie begräbt.

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