Ein Becher
Heidelbeeren

Ich gönne mir gerade Heidelbeeren aus Peru. Aber eigentlich sollte ich ein schlechtes Gewissen haben. Denn bei uns beginnt die Heidelbeerernte erst Ende Juni. Deshalb aus Peru.

Hundert Gramm für 86 Cent. Macht mich jetzt doch stutzig, und ich fange an zu rechnen. Das sind 80 Cent ohne Mehrwertsteuer. Einschließlich Handelsspanne vom Supermarkt. Einschließlich langer Reise: Von der Plantage zum Hafen in Peru, von dort über zehntausend Kilometer nach Hamburg, drei Wochen auf hoher See. Dann erst mal ins Zentrallager, und erst von dort zu meinem Supermarkt.

Da liegen sie jetzt, die Heidelbeeren in Plastikbechern. Für 86 Cent, einschließlich der Kosten vom Supermarkt. Die muss er berücksichtigen beim Preis, sonst geht er Pleite. Und am Ende will er auch noch etwas Gewinn machen. Davon erst mal Steuern bezahlen, Gewerbesteuer, Körperschaftsteuer und so. Und bei Heidelbeeren hat er noch Glück. Noch nicht vergoren. Also keine Alkoholsteuer oder ähnliches. Heidelbeersteuer gibt es meines Wissens nicht. Noch nicht.

Dabei ist der Weltmarktpreis für Heidelbeeren in diesem Jahr eigentlich gestiegen. Wetterkapriolen in Peru, weniger Ernte als erwartet. Trotzdem finde ich meinen Becher für 86 Cent. Da kommt mir eine Frage: Wenn alle Kosten und Steuern im Preis für meinen Becher makelloser blauer Heidelbeeren gedeckt sind, dann dürfte der Anbaubetrieb im fernen Peru dafür doch fast gar nichts mehr bekommen. Seine Mitarbeiter übrigens noch weniger als fast gar nichts.

Daran werden wohl all die Gutes-Gewissen-Siegel auch nichts ändern. Sie wissen schon, gut für unser Klima. Gut für die armen Menschen in fernen Ländern, und überhaupt. Also gut für mich, den aufgeklärten, verantwortungsbewussten Konsumenten von Heidelbeeren aus Peru. Im Juni. Genuss mit gutem Gewissen. Mal wieder.

Oder sollte man sich nicht doch etwas an der eigenen Nase fassen? Und sich selbst weniger vorgaukeln?

Und was ich noch erwähnen wollte: Über die von mir gegründete Stiftung MutterBoden fördere ich Schülerprojekte an Schulen in sozial schwierigem Umfeld. Weil Bildung nicht vom Geldbeutel der Eltern abhängen sollte.

Gedanken am
frühen Morgen.

Bevor der Alltag
sie begräbt.

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