Meine Oma hatte einen Apfelbaum. „Ein einziger Apfel, mein Großer, und kein Doktor mehr“, sagte sie immer, als ich noch klein war. Und heute? Heute brauche ich vier davon. Für dieselbe Menge Nährstoffe. Keine Familienlegende. Eine Zahl, die sich mit Studien belegen lässt.
Aber der Reihe nach. Denn unter dem Apfelbaum meiner Oma passierte mehr, als sie je geahnt hat. In einer einzigen Handvoll gesunder Erde leben mehr Lebewesen als Menschen auf der ganzen Erde. Über 8 Milliarden. Und über 95 Prozent aller Lebewesen an Land, die findest Du nicht auf dem Boden. Sondern im Boden.
Meine Oma stand also jeden Sommer mittendrin. Auf der größten Party des Planeten. Ohne je eine Einladung bekommen zu haben. Und die läuft seit Jahrmillionen immer gleich ab: Die Wurzeln des Apfelbaums liefern Zucker in den Boden. Und ihre Nachbarn, die Mikroben da unten, die bringen etwas mit, wie gute Nachbarn das eben tun. Mineralien und Spurenelemente. Also Zucker gegen Nährstoffe. Und nebenbei, beim Tanz sozusagen, lockern die fleißigen Mikroben auch noch den Boden auf.
Wäre schön, wenn die Geschichte hier zu Ende wäre. Ist sie aber nicht. Denn die Sache gerät ins Straucheln. Durch konventionelle Landwirtschaft, angetrieben von großen Agrokonzernen, die Ute Scheub in ihrem Buch „Die Humusrevolution“ treffend als „Goliaths“ bezeichnet. Konzerne, die sich aus Profitgier gegen alles stellen, was ihr lukratives Geschäftsmodell gefährden könnte.
Das klassische Dilemma unserer modernen Gesellschaft. Die Zahlen dazu gibt es längst: Seit die Landwirtschaft vor etwa 80 Jahren zunehmend industrialisiert wurde, ist der Nährstoffgehalt fast aller Lebensmittel deutlich gesunken: zum Beispiel Kalzium in Gemüse oder Eisen in Fleisch, beides etwa um die Hälfte. Auch bei der Milch, weil die Kühe ja auch nährstoffärmere Pflanzen fressen. Pflanzt sich also entlang der Nahrungskette fort. Bis zum Küchentisch.
Und warum entwickelt sich das so besorgniserregend? Wegen all der Chemie, all der Gifte: Herbizide, Pestizide, Insektizide, Fungizide. Das pusht zwar den Mengenertrag, zumindest noch einige Zeit. Senkt aber gleichzeitig den Nährstoffgehalt. Man könnte das auch als Milchmädchenrechnung bezeichnen. Oder eine Mogelpackung, wie wir sie in Supermärkten bisweilen antreffen.
Bei bodenaufbauender Landwirtschaft dagegen, die auf Bodenleben statt auf Kunstdünger setzt, bleiben die Nährstoffe stabil, auch bei steigenden Erträgen. Das hat die Natur vor langer Zeit so eingerichtet. Ohne Profitgier. Aber mit weiser Voraussicht.
Meine Oma wusste von alledem nichts. Musste sie auch nicht, weil der Boden um ihren Apfelbaum noch intakt war, voller Wurzelnachbarn, Mikroben, Mykorrhiza, Regenwürmern und so. Wir aber sollten davon wissen. Und das beginnt schon beim Einkaufskorb: Lebensmittel aus bodenaufbauender statt rein konventioneller Landwirtschaft. Da sparen wir oft an der denkbar falschen Stelle…
Übrigens, die Sache hat noch eine Facette, das glauben Sie nicht. Aber dazu mehr im nächsten Gedanken zum frühen Morgen: „Dem Schulze sein Komposthaufen“.
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Und was ich noch erwähnen wollte: Über die von mir gegründete Stiftung MutterBoden fördere ich Schülerprojekte an Schulen in sozial schwierigem Umfeld. Weil Bildung nicht vom Geldbeutel der Eltern abhängen sollte.